Salutogenese bei Krebs: Wie das Modell von Antonovsky Betroffenen helfen kann
Salutogenese bei Krebs: Was gibt dir Halt, wenn das Leben aus den Fugen gerät?
Eine Krebsdiagnose kann dein Leben von einem Moment auf den anderen verändern. Plötzlich stehen Untersuchungen, Behandlungen und wichtige Entscheidungen an. Dazu kommen Sorgen, Ängste und viele offene Fragen: Was passiert mit mir? Wie geht es weiter? Und wie soll ich mit all dem umgehen?
In einer solchen Situation kann das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky eine hilfreiche Perspektive bieten. Es richtet den Blick nicht nur auf Krankheit und Belastungen, sondern vor allem auf die Frage: Was kann mir helfen, mit dieser schwierigen Situation umzugehen und meine eigenen Ressourcen zu stärken?
Genau hier kann auch eine unterstützende Begleitung ansetzen.
Was bedeutet Salutogenese?
Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) entwickelte die Salutogenese als Gegenperspektive zur sogenannten Pathogenese. Während die Pathogenese danach fragt, wie Krankheiten entstehen, beschäftigt sich die Salutogenese damit, welche Faktoren Gesundheit und Wohlbefinden unterstützen können.
Ein zentraler Bestandteil ist das Kohärenzgefühl – vereinfacht gesagt das stimmige Gefühl, dass du sicher darauf vertrauen kannst, dein Leben trotz schwieriger Situationen meistern zu können.
Dieses Kohärenzgefühl besteht aus drei wichtigen Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit.

1. Verstehbarkeit: Was passiert gerade mit mir?
Nach einer Krebsdiagnose prasseln häufig zahlreiche Informationen auf dich ein: Befunde, medizinische Fachbegriffe, Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Nebenwirkungen.
Verstehbarkeit bedeutet, deine eigene Situation möglichst gut einordnen zu können. Was bedeutet die Diagnose für dich? Was passiert gerade in deinem Leben? Was belastet dich besonders?
Dabei geht es nicht ausschließlich um medizinisches Wissen. Auch die eigenen Gedanken und Gefühle besser zu verstehen, kann dir helfen, wieder etwas mehr Ordnung in eine zunächst überwältigend wirkende Situation zu bringen.
In meiner psychoonkologischen Begleitung darf deshalb Raum dafür entstehen, deine Gedanken zu sortieren, Belastungen wahrzunehmen und gemeinsam herauszufinden, was gerade wirklich wichtig für dich ist.
2. Handhabbarkeit: Was kann mir jetzt helfen?
Eine Krebserkrankung kann das Gefühl auslösen, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Handhabbarkeit bedeutet jedoch nicht, dass Du alles allein bewältigen oder kontrollieren musst.
Vielmehr geht es darum, wahrzunehmen, welche Ressourcen und Unterstützungsmöglichkeiten dir zur Verfügung stehen, damit du auftretende Probleme und Herausforderungen sicher bewältigen kannst.
Das können Familie und Freunde, medizinische oder psychoonkologische Unterstützung, aber auch deine ganz persönlichen Kraftquellen sein. Manchmal sind es kleine Dinge im Alltag, die uns Halt geben.
Manchmal braucht es jemanden, der zuhört, neue Perspektiven eröffnet und dir dabei hilft, deine eigenen Möglichkeiten wieder deutlicher zu sehen.
Gemeinsam können wir schauen:
- Was stärkt mich?
- Was brauche ich gerade?
- Wie kann ich mich im Alltag entlasten?
- Was schenkt mir Freude und Zufriedenheit?
- Welche Ressourcen habe ich vielleicht aus dem Blick verloren?
3. Sinnhaftigkeit: Was ist mir jetzt wichtig?
Die dritte Komponente bezeichnet Antonovsky als Sinnhaftigkeit beziehungsweise Bedeutsamkeit. Eine schwere Erkrankung kann bisherige Vorstellungen, Pläne und Prioritäten infrage stellen.
Dabei bedeutet Sinnhaftigkeit ausdrücklich nicht, dass deine Krebserkrankung einen „Sinn haben muss“. Du musst darin nichts Positives erkennen und auch nicht versuchen, ständig optimistisch zu sein.
Vielmehr geht es um Fragen wie:
- Was bedeutet dir etwas?
- Was gibt dir Kraft?
- Was möchtest Du in deinem Leben bewahren oder vielleicht verändern?
Das können Beziehungen, Familie, Freundschaften, persönliche Ziele, kleine Rituale oder besondere Momente sein.
Auch diesen Fragen darf Raum gegeben werden – ohne Druck und ohne vorgefertigte Antworten.
Den Blick auf deine eigenen Ressourcen richten
Die Salutogenese kann Krebs weder behandeln noch heilen und ersetzt selbstverständlich keine medizinische oder psychoonkologische Behandlung. Sie kann jedoch eine wertvolle Ergänzung sein, wenn es darum geht, deinen persönlichen Umgang mit dieser belastenden Lebenssituation zu finden.
Dabei können dir drei Fragen Orientierung geben:
- Verstehe ich, was gerade in mir und um mich herum passiert?
- Was oder wer hilft mir dabei, mit dieser Situation umzugehen?
- Was ist mir gerade wichtig und gibt meinem Leben Bedeutung?
Die Antworten darauf müssen nicht sofort da sein. Sie dürfen sich verändern – genauso wie sich deine Bedürfnisse während und nach einer Krebserkrankung verändern können.
Du musst deinen Weg nicht allein finden
Vielleicht merkst du gerade, dass viele dieser Fragen auch dich beschäftigen. Vielleicht wünschst Du dir einen geschützten Raum, um deine Gedanken und Gefühle zu sortieren, deine eigenen Kraftquellen wiederzuentdecken und herauszufinden, was dir in deiner persönlichen Situation Halt geben kann.
Gemeinsam können wir herausfinden, was Du im Moment brauchst, welche Ressourcen Du noch ausbauen kannst und was dich unterstützen kann, wieder mehr Orientierung und Handlungsfähigkeit zu erleben. Alles getragen von deinem ganz persönlichen Lebenssinn.
Dabei geht es nicht darum, immer stark sein oder positiv denken zu müssen. Es geht um dich, deine Situation und die Frage:
Was kann mich ganz persönlich stärken und mir auf dem Genesungsweg guttun?








